Als ich klein war, gab es im elterlichen Pfarrhaus der Familie Zeller ein- oder zweimal im Jahr die „Woche des guten Benehmens“. Eine Woche lang bestand die Challenge für uns drei Kinder – und natürlich auch für unsere Eltern – darin, uns möglichst vorbildlich nach allen Regeln der Kunst zu benehmen. Besonders bei den Mahlzeiten: keine Ellenbogen auf den Tisch, nicht schmatzen (und schon gar nicht pupsen), unfallfreies und korrektes Benutzen des Bestecks, freundlich fragen, wenn man die Kartoffeln gereicht bekommen möchte, nicht herumhampeln und keinesfalls vor dem abschließenden Dankgebet vom Tisch aufstehen.
Für uns Kinder war das ein ziemlich lustiges Spiel. Besonders großen Spaß machte es natürlich, wenn wir unsere Eltern bei einem Regelverstoß erwischten. Im Rückblick betrachtet finde ich: vielleicht nicht die schlechteste Idee, dem Nachwuchs ein paar Benimmregeln auf spielerische Weise nahezubringen. Und manchmal denke ich: So eine Woche des guten Benehmens würde uns auch heute wieder ganz guttun – und zwar den kleinen wie den großen Menschen. Wir müssen ja nicht gleich in die Steifheit des 19. Jahrhunderts zurückfallen. Aber ein bisschen mehr Höflichkeit, Freundlichkeit, Dankbarkeit und Zuvorkommenheit könnte unserem Zusammenleben durchaus nicht schaden.
Am Sonntag hören wir im Gottesdienst auf einen Predigttext, bei dem es auf den ersten Blick ebenfalls um gutes Benehmen geht. Also vielleicht tatsächlich eine kleine Inspiration für unser Leben im Jahr 2026. Und wenn ich jetzt noch verrate, dass diese Geschichte nicht beim guten Benehmen stehen bleibt, sondern noch eine sehr viel tiefere Dimension eröffnet, dann seid ihr hoffentlich endgültig neugierig geworden – und erwägt allen Ernstes einen Kirchgang. (Bernhard Zeller)
